Anwendung der Visual Phasing Methode an Chromosom 1

Wenn ihr die Möglichkeit habt drei Vollgeschwister zu testen, dann gibt es eine weitere tolle Sache, die ihr mit euren DNA-Ergebnissen machen könnt und zwar die von Kathy Johnston entwickelte Visual Phasing-Methode ausprobieren. Sie ermöglicht es euch eure DNA-Segmente allen vier Großelternteilen zuzuordnen (ohne dabei die Eltern testen zu müssen), indem man die DNA-Rekombinationspunkte der drei Geschwister miteinander vergleicht. Um jedoch festzustellen, welchem der Großelternteile ein bestimmtes DNA-Segment gehört, braucht man weitere genetische Verwandte unterschiedlicher Familienlinien zum Vergleich. Idealerweise sollten es mehrere Cousins oder Cousinen 2. oder 3. Grades von beiden Seiten sein, aber auch etwas weiter entfernte Verwandte haben sich als sehr nützlich erwiesen.

Ich selbst habe keine Vollgeschwister, glücklicherweise trifft es aber sowohl auf meinen Vater als auch auf meine Mutter zu. Meine Mutter und meinen Onkel mütterlicherseits habe ich schon vor einigen Jahren testen lassen und als ich das erste Mal von der Visual Phasing-Methode in dem großartigen Blog von Blaine Bettinger gelesen habe, wusste ich sofort was ich als nächstes tun würde – einen DNA-Test für meine Tante bestellen!

Nachdem ich sorgfältig die Anweisungen sowohl von Blaine als auch von Ann Raymont studierte und anschließend das Video von Lars Martin auf YouTube anschaute (alle Links findet ihr unten), konnte ich es kaum abwarten das neu erlernte Wissen endlich praktisch anzuwenden.

Meines Wissens nach gibt es nur englische Blogposts, die über die Anwendung dieser Methodik berichten und ich finde, dass anderen, nichtenglischsprechenden Ahnenforschern, dabei etwas Wichtiges entgeht. Aus diesem Grund werde ich mein Beispiel der Anwendung von Visual Phasing drei Mal erklären – auf Russisch und Deutsch, um diese großartige Methode einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und zusätzlich auf Englisch als Referenz. (So entstand auch meine Idee zu einem mehrsprachigen Blog.)

Bevor wir jedoch mit der Anwendung der Visual Phasing-Methode beginnen, sollten wir die Grundlagen der genetischen Vererbung auffrischen. Die DNA eines Menschen ist auf 23 Chromosomenpaare verteilt, 22 autosomale Chromosomenpaare und ein Geschlechtschromosomenpaar (entweder XX für Mädchen oder XY für Jungen). Es sind also immer zwei Kopien desselben Chromosoms (bis auf das Geschlechtschromosom) vorhanden – eine von der Mutter und eine vom Vater vererbt. Wenn ein Kind entsteht wird die DNA aus beiden Chromosomenkopien der Eltern neu rekombiniert und jeweils ein neu zusammengesetztes Chromosom an das Kind weitergegeben.

Das ist der Stammbaum meiner Mutter und ihrer Geschwister bis zu den Großeltern. Bitte beachtet, dass es sich bei den folgenden beiden Schaubildern nur um ein ausgedachtes Beispiel der Vererbung eines beliebigen Chromosoms (aus 23) handelt!

Wie ihr sehen könnt, haben Elisabetha und Viktor ihren Kindern jeweils ein neu rekombiniertes Chromosom aus ihren Chromosomenkopien weitervererbt. (Die Großeltern in meinem Schaubild haben selbstverständlich auch zwei Kopien eines Chromosoms, um der Vereinfachung willen werden sie jedoch nur mit einer Kopie dargestellt.) Die neu zusammengesetzte Chromosomenpaare der Kinder sind sehr unterschiedlich ausgefallen. Diesem Schaubild zufolge z.B. hätte meine Tante sehr viel mehr DNA von Heinrich Antoni, dem Großvater mütterlicherseits, auf einem ihrer Chromosomen geerbt als ihre beiden Geschwister.

Die Stelle an der es bei den Eltern zu der Neuvermischung der DNA kam, nennt man Crossing-over (zum besseren Verständnis auch schlicht Rekombinationspunkt).

Dieses Schaubild soll uns dabei helfen halbidentische, komplett identische und Abschnitte mit keiner DNA-Übereinstimmung voneinander zu unterscheiden. Wenn man in unserem ausgedachten Beispiel die beiden Chromosomenkopien meiner Tante und meines Onkels anschaut, sieht man, dass die beiden zunächst ein halbidentisches Segment miteinander teilen. Sie haben auf der mütterlichen Kopie ihres Chromosomenpaars die DNA von einem gleichen Großelternteil bekommen (Heinrich Antoni), auf der väterlichen Kopie jedoch von beiden unterschiedlichen, ihr Segment wird daher als halbidentisch bezeichnet. Da es bei meiner Tante etwas weiter ein Crossing-over gibt (rot wechselt zu blau), teilen meine Tante und mein Onkel nun einen komplett identischen Abschnitt – auf ihren beiden Chromosomenkopien stammt die DNA von den beiden gleichen Großelternteilen. Etwa in der in Mitte ihrer Chromosomenkopien haben die beiden dagegen gar keine DNA-Übereinstimmung. Das bedeutet, dass mein Onkel an dieser Stelle seiner beiden Chromosomenkopien die DNA von den beiden anderen Großelternteilen bekommen hat als meine Tante. Da mein Onkel laut diesem Beispiel auf seiner mütterlichen Kopie die DNA der Großmutter geerbt hat, muss die DNA der Tante somit vom Großvater mütterlicherseits an dieser Stelle stammen. An derselben Stelle ihrer väterlichen Kopie hat mein Onkel die DNA der Großmutter väterlicherseits bekommen und meine Tante entsprechend vom Großvater väterlicherseits. Somit stammt die DNA auf allen vier Chromosomenkopien an dieser Stelle von vier verschiedenen Großeltern.

Die GEDmatch Webseite stellt das One-to-One-Tool zur Verfügung, welches die beiden Chromosomenkopien zweier Personen miteinander vergleicht und in komplett identische (grün), halbidentische (gelb) und Abschnitte ohne DNA-Übereinstimmung (rot) aufteilt. Auf der rechten Seite könnt ihr sehen, was rauskommen würde, wenn die Haas-Geschwister in meinem ausgedachten Beispiel bei GEDmatch miteinander verglichen werden würden.

Mit diesem Hintergrundwissen im Kopf, können wir uns nun endlich der Visual Phasing-Methode zuwenden, die uns im folgendem Beispiel ihrer Anwendung auf dem ersten Chromosom ermöglichen wird, die DNA meiner Mutter und ihrer Geschwister den vier Familienlinien ihrer Großeltern zuzuordnen.

Chromosom 1 ist eins der beiden größten Chromosomen und ist für Anfänger eigentlich nicht zu empfehlen. In meinem Fall stellte sich jedoch heraus, dass es gerade auf diesem Chromosom die geeigneten Cousin-Treffer gab, die ich brauchte, um alle DNA-Segmente zuordnen zu können.

Im ersten Schritt muss man die autosomale DNA-Rohdaten (der Download wird im eigenen Account von allen drei großen DNA-Testing Firmen zur Verfügung gestellt) bei GEDmatch hochladen (wenn nicht bereits geschehen) und dann das One-to-One-Tool dazu zu benutzen, um die Chromosomen einzelner Geschwister miteinander zu vergleichen.

Mir fällt es einfacher Visual Phasing mit Excel zu machen, aber mit anderen Programmen geht es natürlich auch. Macht ein Screenshot mit dem Windows Snipping Tool, kopiert ihn und fügt ihn bei Excel ein.

 

Im nächsten Schritt muss man alle auf den Chromosomenpaaren der Geschwister stattgefundenen DNA-Rekombinationen ausfindig machen und einer konkreten Person zuordnen, die an dem jeweiligen Crossing-over beteiligt war.

Erklärung der GEDmatch-Tabelle:

  • grün: identische DNA auf beiden Kopien eines Chromosoms
  • gelb: die DNA ist nur auf einer Kopie des Chromosoms identisch
  • rot: an dieser Stelle beider Chromosomenkopien gibt es DNA-keine Übereinstimmung
  • blau gibt die Größe der DNA-Segmente auf dem Chromosomenpaar an: die DNA-Segmente sind größer als 7cM (centiMorgan)

Nachdem wir die GEDmatch-Tabelle und die verglichenen Chromosomenpaare angeschaut haben, sehen wir, dass die DNA meiner Tante und meines Onkels an einem kleinen Stück (rot) ganz am Anfang ihrer ersten Chromosomen nicht übereinstimmt. Das bedeutet, dass sie an dieser Stelle der beiden Chromosomen-Kopien die DNA von unterschiedlichen Großelternteilen geerbt haben. Dann sehen wir, dass eine Rekombination stattgefunden hat, da die beiden jetzt ein halb-identisches (gelbes) Segment miteinander gemeinsam haben. Das bedeutet, dass ihre DNA jetzt auf einer Kopie ihrer Chromosomenpaare übereinstimmt – entweder auf der von der Mutter oder der vom Vater geerbten Kopie – also von einem gleichen Großelternteil kommt. Kurz danach fand eine weitere Rekombination bei einem der beiden Geschwister statt, da die beiden nun einen komplett identischen Abschnitt (grün) auf ihren beiden Chromosomenkopien haben – die DNA also sowohl auf der von der Mutter als auch von dem Vater geerbten Kopie an dieser Stelle von denselben beiden Großelternteilen stammt.

Hier ist ein Überblick aller Stellen auf allen drei Chromosomenpaaren der Haas-Geschwister, an denen eine DNA-Rekombination stattgefunden hat:

Als nächstes müssen wir nun die Person ausmachen, bei der das Crossing-over stattfand.

Hier könnt ihr alle Positionen sehen, auf denen es auf dem Chromosomenpaar meiner Tante zu DNA-Rekombinationen kam:

Wenn man meine Tante mit meinem Onkel und dann mit meiner Mutter vergleicht, können wir sehen, dass eine Rekombination an derselben Position am Anfang stattgefunden hat. Da meine Tante in beiden Fällen beteiligt war, wird dieses Crossing-over ihr zugeordnet.

In diesem Schaubild findet man alle meiner Mutter zugeordneten Rekombinationspunkte:

Zuletzt noch die Crossing-overs, die bei meinem Onkel stattfanden:

Um das Ganze übersichtlicher zu gestalten, zieht lange vertikale Linien durch alle ausgemachten Rekombinationspunkte und ordnet sie der richtigen Person zu. Geratet aber nicht in Panik, wenn die Linien nicht genau übereinanderliegen und platziert sie einfach irgendwo in der Mitte. Auf die Ungenauigkeit der Segmente ist Jim Bartlett ausführlich in seinem Blogpost eingegangen (den Link findet ihr unten).

Als nächstes müssen wir herausfinden an welchen Positionen genau die Crossing-overs stattfanden. Dazu eignet sich die Anwendung Search for Shared DNA Segments in Two Raw Data Files von David Pike. Nachdem man zwei extrahierte DNA-Rohdateien hochgeladen hat, bekommt man eine schön geordnete Liste aller DNA-Segmente. Zunächst die komplett identischen Segmente, die die beiden Personen gemeinsam haben, gefolgt von einer Liste mit halbidentischen Segmenten. Man kann aber auch das One-to-One Tool dazu benutzen, nur ist es ein wenig komplizierter. Wie das geht wurde sehr gut von Blaine Bettinger erklärt, also folge ich einfach seinen Anweisungen.

Wenn ich meine Tante und meinen Onkel mittels One-to-One Tools vergleiche, bekomme ich das hier:

Allerdings kann ich hier nur die Anfangs-und Endpunkte ihrer beiden halbidentischen (gelben) Segmente sehen. Die Anfangs-und Endpunkte der komplett identischen (grünen) Segmente bekomme ich erst wenn ich auf full resolution (volle Auflösung) klicke, bevor ich den Vergleich starte.

 

Das Chromosom wird vergrößert und die Positionen gekennzeichnet. Leider passt das Chromosom wegen seiner Größe jetzt nicht mehr auf eine Seite, daher müssen wir nach rechts scrollen, um alle Punkte zu finden. Das folgende Schaubild zeigt das erste komplett identische Segment meiner Tante und meines Onkels im Vergleich zu seiner Version in der vollen Auflösung.

 

 

Als Startpunkt gebe ich 30 und als Endpunkt 34 an. (Die Punkte müssen nicht perfekt sein.)

Also tragen wir alle Anfangs- und Endpunkte in unser Schaubild ein und runden die Millionen auf.

Nun kann das Visual Phasing beginnen.

Wie ihr sehen könnt, haben meine Mutter und meine Tante ein gemeinsames, komplett identisches Segment zwischen 115 und 156. Entsprechend gibt es bei den beiden keine Übereinstimmung mit meinem Onkel an dieser Stelle. Aus diesem Grund können wir schon jetzt vier verschiedenen Farben vier verschieden Großelternteilen zuordnen – zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht wissend, welcher Großelternteil welcher Farbe zugeordnet ist. Was wir jedoch schon sagen können, ist, dass pink und blau zusammengehören (beide stammen entweder vom Mutter oder vom Vater) und das Gleiche gilt für lila und orange.

Nun können wir die Segmente bis zu den jeweiligen Rekombinationspunkten der Geschwister ausdehnen. Nun ja, im Fall meiner Tante können wir das nicht – ihr Segment liegt genau zwischen ihren beiden Rekombinationspunkten. Die Segmente meiner Mutter können dagegen nach links bis zum Crossing-over bei 17.5 und nach rechts bis zum Crossing-over bei 183 ausgedehnt werden. Das Segment meines Onkels geht nach links bis zum Rekombinationspunkt bei 94 und nach rechts bis 207.5

 

Schaut euch jetzt die Stelle zwischen 17.5 und 55 an – dort haben meine Mutter und meine Tante keine identische DNA, also werden meiner Tante an dieser Stelle gegensätzliche Farben zugeteilt. Außerdem können wir ihr Segment nach links bis zum ihrem Crossing-over bei 6 ausdehnen. An der kleinen Stelle zwischen 30 und 34 werden meinem Onkel ebenfalls gegensätzliche Farben zugeordnet, da er an dieser Stelle andere DNA-Segmente geerbt hat als meiner Mutter, welche aber komplett identisch sind mit denen, die meiner Tante gehören.

Zunächst sieht es so aus als würde ich nicht mehr weiterkommen, aber das ist nicht der Fall. Ich kann das Segment meiner Tante bis zum Rekombinationspunkt bei 222 ausdehnen, muss jedoch eine der Farben ändern – zu diesem Zeitpunkt macht es noch keinen Unterschied welche, da wir noch keiner konkreten Person eine Farbe zugeordnet haben. Warum? Weil meine Tante zwischen 156 und 183 ein halbidentisches Segment mit beiden Geschwistern hat, aber auf der jeweils anderen Kopie des Chromosoms, da meine Mutter und mein Onkel keine DNA-Übereinstimmung an dieser Stelle haben.

Das wiederum erlaubt uns auch die Stellen zwischen 207.5-222 auszufüllen, da die Segmente aller drei Geschwister hier komplett identisch sind. Darüber hinaus kann ich das Segment meiner Mutter nach links bis 183 und nach rechts bis 238 ausdehnen und das meines Onkels ganz bis zum Ende.

Aber jetzt komme ich wirklich nicht mehr weiter.

Idealerweise füllt man zuerst die Chromosomen komplett aus und wendet sich erst danach seinen Cousins und Cousinen zu, um die jeweiligen Farben einer der vier Familienlinien zuzuordnen. In meinem Fall muss ich jedoch schon jetzt meine genetischen Verwandten miteinbeziehen.

Unter den Personen, die einen DNA-Test für mich gemacht haben, ist auch E.A., die Cousine 1. Grades mütterlicherseits der Haas-Geschwister. E.A. und die Haas-Geschwister haben demnach die gleichen Großeltern mütterlicherseits – Großmutter Ottilia Arnhold und Großvater Heinrich Antoni. Schauen wir mal, ob der Vergleich mit E.A. uns sagen kann, welche der beiden Chromosomenkopien von der Mutter und welche vom Vater stammt.

E.A. stellte sich als ein hervorragender Cousin-Treffer heraus! Wir können jetzt nicht nur zwischen den mütterlichen und väterlichen Chromosomenkopien unterscheiden, dank E.A. sind wir auch in der Lage alle drei Chromosomenpaare der Haas-Geschwister zu vervollständigen!

Lila und orange stammen von der Mutter, weil die DNA-Segmente von E.A. sowohl mit meiner Mutter als auch meiner Tante (lila Abschnitt) von 119.5 bis 157 (156 – hier wieder die Ungenauigkeit der Segmente) übereinstimmen und dann weiter nur mit meiner Mutter bis 165.5, weil meine Tante bei 156 (157) zu orange wechselt.

Des Weiteren stimmt die DNA von E.A. zwischen 6 und 14.5 mit allen drei Geschwistern überein und wir haben meiner Tante bereits orange zwischen 6 und 17.5 zugeordnet. Daher wird meiner Mutter und meinem Onkel ebenfalls orange zwischen 6 und 17.5 zugeordnet und ihre Segmente bis ganz nach links verlängert. Zusätzlich verlängern wir das Segment meines Onkels auch nach rechts bis zu seinem Rekombinationspunkt bei 30. Auf der väterlichen Kopie an dieser Stelle wird den beiden pink zugeordnet.

Da es keine DNA-Übereinstimmungen zwischen meiner Tante und ihren beiden Geschwistern an dem kleinen Stück von Anfang bis 6 gibt, werden ihr hier die gegensätzlichen Farben zugeordnet.

Die DNA von E.A. stimmt mit allen drei Haas-Geschwistern auch zwischen 67 und 94 überein und wir wissen bereits, dass meine Mutter auf ihrer mütterlichen Chromosomenkopie an dieser Stelle lila hat. Meinem Onkel werden daher lila auf der mütterlichen Kopie und blau auf der väterlichen Kopie zugeordnet. Außerdem kann sein Segment nach links bis zu seinem Crossing-over bei 34 ausgedehnt werden. Sein Chromosomenpaar ist nun fertig!

 

E.A. hat ein weiteres gemeinsames Segment mit meiner Tante zwischen 238 und 244, aber nicht mit meinem Onkel, der an dieser Stelle orange hat. Daher ordnen wir meiner Tante hier lila zu. Außerdem können wir das Segment meiner Tante nach links bis zu ihrem Rekombinationspunkt bei 222 ausdehnen und ihr auf ihrer väterlichen Chromosomenkopie pink zuordnen.

Gegensätzliche Farben können nun von 238 bis zum Ende meiner Mutter zugeordnet werden, weil sie dort keine DNA-Übereinstimmungen mit meiner Tante hat. Jetzt haben wir auch das Chromosomenpaar meiner Mutter vervollständigt!

Wir sehen, dass meine Tante und mein Onkel ein komplett identisches Segment zwischen 55 und 94 haben, deshalb ordnen wir auch meiner Tante hier blau und lila zu. Außerdem, können wir ihr Segment bis zu ihrem nächsten Rekombinationspunkt bei 106 ausdehnen.

Das winzige Stück zwischen 106 und 108 bekommt blau und orange, weil es ein mit meinem Onkel komplett identisches Segment ist. Es bleibt jetzt nur noch ein letztes Segment zwischen 108 und 115 übrig und wir lassen uns wieder von E.A. helfen. Die DNA von E.A. und meiner Mutter stimmt hier überein (lila), aber nicht mit den anderen beiden Haas-Geschwistern. Daher wird meiner Tante auf der mütterlichen Kopie orange und auf der väterlichen pink zugeordnet (sie und mein Onkel haben hier nur ein halbidentisches Segment gemeinsam). Voila – uns ist es gelungen alle drei Chromosomenpaare fertig zu stellen!

Da wir nun wissen, dass lila und orange von der Mutter vererbt wurden und pink und blau vom Vater, können sich Cousins 2. Grades als sehr nützlich erweisen. N.B., eine Cousine 2. Grades meiner Mutter und ihrer Geschwister, hat sich gern dazu bereit erklärt, eine DNA-Probe abzugeben (sie scherzte, dass wenigstens ihre Speichelprobe in die USA reisen würde, während sie selbst nie dazu kam). Ihre Großmutter väterlicherseits, Margaretha Arnhold, und die Großmutter der Haas-Geschwister mütterlicherseits, Ottilia Arnhold, waren Schwestern.

Es sieht also aus, dass lila der Arnhold-Linie zugeordnet werden kann (der Großmutter mütterlicherseits). Die DNA von N.B. stimmt mit dem komplett identischen Segment meiner Mutter und meiner Tante von 114.5-157 (115-156) überein und die Übereinstimmung mit meiner Mutter setzt sich weiter bis 165.5 fort, während meine Tante bei 156 bzw. 157 zu der komplementären Farbe wechselt. Daher kann orange der Antoni-Linie zugeordnet werden, der Linie des Großvaters mütterlicherseits.

Was die väterliche Seite der Haas-Geschwister angeht, ist alles sehr viel komplizierter. Der Vater meiner Mutter kam als kleiner Junge nach dem Tod seiner Eltern in ein Waisenhaus und wusste nichts über seine biologischen Verwandten – nicht einmal der Name seiner Mutter war ihm bekannt. Alles was er später erfuhr war, dass der Rest seiner Familie etwa zum Zeitpunkt seiner Geburt nach Kanada und in die USA auswanderte. Keine Namen, keine Orte. Wer hätte es gedacht, dass ein Jahrhundert später ein wenig Spucke neue Erkenntnisse bringen würde?

Einer unserer interessantesten erst durch die Gendatenbank gefundener DNA-Treffer ist der inzwischen verstorbene W. Schlegel, der den Gen-Test vor einigen Jahren für seine Nichte machte, als sie ihre wolgadeutsche Abstammung erforschte. Die Vorfahren von W. Schlegel wanderten aus Pobochnoye, einer evangelisch-lutherischen Siedlung an der Wolga, nach Kanada aus und ich wusste sofort, dass es eine Verbindung zu meinem Großvater gab. Pobochnoye war die Mutterkolonie der Geburtsstadt meines Großvaters (meine Großmutter stammte aus seiner ganz anderen Region an der Wolga und ihr Stammbaum ist gut erforscht). Was ihn noch außergewöhnlicher für uns machte, war die Tatsache, dass er mit uns durch die Mutter meines Großvaters verwandt war. Ja, meine gänzlich unbekannte Urgroßmutter! Warum ich mir dann dessen so sicher sein kann? Weil W. Schlegels DNA mit der DNA-Segmenten meiner Mutter und meiner Tante auch auf dem X-Chromosom übereinstimmt! Das X-Chromosom, welches mein Großvater seinen Töchtern weitergab, bekam er selbst von seiner Mutter vererbt. (Für W. Schlegel bedeutet das wiederum, dass er sein X-Chromosom nicht von seiner Schlegel-Seite, sondern von der mütterlichen Wagner-Seite bekam.)

Aus diesem Grund kann ich beim Vergleich der DNA-Segmente, die W. Schlegel und die Haas-Geschwister gemeinsam haben, diese ihrer Großmutter väterlicherseits zuordnen. Darüber hinaus kann man anschließend durch das Ausschlussverfahren die komplementären Segmente auf derselben Kopie des Chromosoms auch dem Großvater väterlicherseits zuordnen.

Die DNA von W. Schlegel stimmt mit der DNA meiner Mutter und meiner Tante zwischen 144 und 180 überein, mit meinem Onkel dagegen gibt es auf diesem Chromosom keine Übereinstimmung. Aus diesem Grund können wir pink der Großmutter väterlicherseits zuordnen – der unbekannten Mutter meines Großvaters. Entsprechend wird die komplementäre blaue Farbe dem Großvater väterlicherseits zugeordnet.

Wir sind fertig!

 

Fazit:

Allein mit logischen Schlussfolgerungen schafft man es manchmal nicht, alle Bereiche eines Chromosoms zu vervollständigen, weil es mehrere Ausgangsmöglichkeiten gibt. Ein Fortkommen ist aber dennoch möglich, wenn man weitere Verwandte in Spiel bringt. Die Visual Phasing-Methode kann einen bei seiner Ahnenforschung enorm unterstützen, insbesondere wenn man in eine Sackgasse aufgrund von Adoption oder kaum vorhandenen Unterlagen zu den eigenen Vorfahren gerät, weil es uns einen wertvollen Einblick in unsere genetische Zusammensetzung gibt. Wenn ihr selbst adoptiert seid, aber z.B. drei eigene Kinder habt, könnt ihr diese Methode ebenfalls anwenden und erfahren, welche eurer DNA-Treffer von der mütterlichen und welche von der väterlichen Seite sind.

Diese großartige Methodik erlaubt uns außerdem Abstammungstheorien zu bestätigen oder zu verwerfen. Stellt euch vor, jemand würde bei mir in der Gen-Datenbank auftauchen, dessen DNA auf dem ersten Chromosom zu großen Teilen mit meiner übereinstimmt und in dessen Stammbaum auch noch der Name Haas vorkommt. Allzu schnell würde ich dazu neigen, diese Person mit der väterlichen Seite meines Großvaters in Verbindung zu bringen. Nachdem ich jedoch die Visual Phasing- Methode auf dem ersten Chromosom meiner Mutter angewendet habe, weiß ich, dass sie, das bei Weitem größte Stück ihrer väterlichen Kopie von der Mutter meines Großvaters geerbt hat und somit für mich die Wahrscheinlichkeit ein Haas-Segment bekommen zu haben, auf ein Minimum geschrumpft ist. Daher wäre ich jetzt in so einem Fall viel vorsichtiger, würde keine voreiligen Schlüsse mehr ziehen und einer anderen Möglichkeit der Verwandtschaft mit dieser Person sehr viel offener gegenüberstehen als vorher.

Etwas später dieses Jahr habe ich vor auch die Geschwister meines Vaters zu testen (ihn selbst habe ich schon), was bedeutet, dass ich irgendwann theoretisch in der Lage sein werde, meine gesamte DNA allen meinen 8 Urgroßeltern zuzuordnen!

Genau wissend welche Segmente ich von welchem Vorfahren bekommen habe, werde ich meine Treffer in der Gen-Datenbank sehr viel zuverlässiger einordnen können oder neu gruppieren – was eines Tages vielleicht der Schlüssel zu unserem Familienrätsel sein wird. Oder zu eurem.

 

Quellenangaben und weiterführende Links (auf Englisch):

http://thegeneticgenealogist.com/wp-content/uploads/2016/11/Visual-Phasing-Bettinger.pdf

https://dnasleuth.wordpress.com/2016/05/13/chromosome-mapping-with-siblings-part-1/

https://dnasleuth.wordpress.com/2016/06/01/chromosome-mapping-with-siblings-part-2/

https://www.youtube.com/watch?v=neB4oFlwJHA&feature=youtu.be

https://dnagenealogy.tumblr.com/post/137722603308/the-use-of-crossover-lines-among-siblings-to

http://www.jmhartley.com/HBlog/?p=3046

https://genealogylady.net/2017/05/02/down-the-dna-rabbit-hole-visual-phasing-with-two-siblings/

https://segmentology.org/2015/05/30/fuzzy-data-fuzzy-segments-no-worry/

 

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