DAS HAAS-FAMILIENRÄTSEL

Viktor Haas, mein Großvater mütterlicherseits, kam als kleiner Junge nach dem Tod seiner Eltern in ein Waisenhaus und wusste kaum etwas über seine biologische Familie. Später teilte man ihm dort mit, dass alle seine Verwandten etwa zum Zeitpunkt seiner Geburt nach Kanada (seine Tante) und in die USA auswanderten, ohne jedoch nähere Angaben zu Namen oder Orten machen zu können.

Anfang 2014 hörte ich das erste Mal von einem DNA-Test in den USA, der neben einer geographischen Herkunftsschätzung auch die Verwandtschaftsbeziehungen sich in der Datenbank befindender Personen anzeigte. Das weckte rasch mein Interesse und ich zögerte nicht lange mit der Bestellung.

Die wenigen Informationen, die ich damals über die Herkunft meines Großvater hatte, waren folgende:

  • sein Geburtsjahr 1913
  • den Namen seines Vaters (David), wegen des in Russland üblichen Patronyms
  • evangelisch-lutherische Religionszugehörigkeit (ich erinnerte mich an eine Bemerkung meiner katholischen Großmutter als ich noch ein Kind war, dass Lutheraner kein Kreuzzeichen machen und das mein Großvater einer war)
  • Eine Tante in Kanada (bzw. ihre Nachkommen) und möglicherweise weitere Verwandte in Kanada und den USA

Das war eigentlich schon alles.

Glücklicherweise wusste ich von der Seite meiner Großmutter deutlich mehr, was sich später bei der Einteilung meiner DNA-Treffer als sehr nützlich erweisen würde.

Da ich ihren Geburtsort (Beauregard an der Wolga), die Namen und Geburtsdaten ihrer Eltern und die Namen ihrer Großeltern kannte und dank ihrer Cousine 2. Grades auch den Namen eines Urgroßvaters, ließen sich mit diesen Daten die Taufurkunden meiner Urgroßeltern und die Heiratsurkunden meiner Ururgroßeltern finden, die wiederum die Namen der Brauteltern enthielten. Dank mehreren Usern eines russischen wolgadeutschen Forums, insbesondere Viktor2, und den Volkszählungen von 1857, 1834, 1798 und der Einwandererlisten von 1767, wurden diese Linien meiner Vorfahren teilweise bis hin zu den ersten Siedlern an der Wolga ausgebaut. (Die Namen wurden mittlerweile durch Übereinstimmungen in den Stammbäumen meiner DNA-Treffer bestätigt – sogar die Linie von Simon MILLER!)

Parallel dazu fragte ich auch die russischen Verwandten meines Vaters nach den Vorfahren aus und erfuhr unter anderem, dass mein Großvater väterlicherseits zur Hälfte Tschaldon war. Als Tschaldonen bezeichnete man alteingesessene Einwohner Sibiriens. Laut einigen Quellen handelte es sich dabei um Leute aus der Gegend um den Fluss Don, die im 16. Jahrhundert in Sibirien ansiedelten und sich im Laufe der Zeit mit der indigenen Bevölkerung Sibiriens vermischten.

Alle neuen Informationen über meine Herkunft habe ich mit großer Dankbarkeit entgegengenommen, insbesondere solche, die von mehreren Seiten bestätigt werden konnten, da sie mir bei der Einordnung meiner DNA-Treffer als Stütze dienen sollten. Während dieser Zeit lernte ich viele verschiedene Zweige meiner Familie kennen und konnte insgesamt 22 Personen unterschiedlichen Verwandtschaftsgrades dazu überreden, eine Speichelprobe für mich abzugeben.

Der Vergleich der DNA der von mir getesteten Personen mit den Treffern aus den Datenbanken von 23andme, FTDNA, Ancestry und MyHeritage unter Anwendung verschiedener Tools wie Shared Matches und Techniken wie Triangulation und Visual Phasing, ermöglichte mir bald mehrere DNA-Treffer auszumachen, die nur über meinen Großvater mit meiner Familie verwandt sein konnten.

Die meisten dieser Treffer waren Nachkommen deutscher Siedler aus den evangelisch-lutherischen Kolonien an der Wolga, die Anfang des 20. Jahrhunderts nach Kanada und in die USA auswanderten. Eine große Gruppe mit Vorfahren aus Pobochnoye/Nebendorf (Wagner, Rudi, Schlegel, Wilhelm, Wittig, Brack, Leinweber) und eine weitere kleinere Gruppe mit Vorfahren aus Yagodnaya Polyana/Beerenfeld (Scheuermann, Pfaffenroth/Poffenroth, Litzenberger).

Diese Nachnamen kamen im Stammbaum der überwiegend katholischen Vorfahren meiner Großmutter aus Beauregard und Katharinenstadt nicht vor. Es gab auch keine DNA-Übereinstimmungen mit den Verwandten seitens meiner Großmutter, die für mich einen DNA-Test gemacht haben. Es deutete alles darauf hin, dass mein Großvater seine Wurzeln in Pobochnoye hatte.

Aus purem Zufall fand ich einige Zeit später den Geburtsort meines Großvaters im Internet, auf einer Webseite, die den Opfern des politischen Terrors in der Sowjetunion gedenkt. Mein Großvater wurde am 8.11.1942 aufgrund seiner Nationalität zum Staatsfeind erklärt und zu 10 Jahren Zwangsarbeit verurteilt.

Hier ist der Eintrag über die Verurteilung meines Großvaters zu 10 Jahren Zwangsarbeit am 08.11.1942. Rehabilitierung erfolgte 1959.

Als sein Geburtsort war dort Schöndorf an der Wolga angegeben. DAS UNGLAUBLICHE: Schöndorf war eine 1857 gegründete Tochterkolonie von Pobochnoye!

Dank User Winter vom dem bereits erwähnten wolgadeutschen Forum erfuhr ich, dass unter den Erstsiedlern von Schöndorf im Jahre 1857 sich zwei Haas-Brüder aus Pobochnoye befunden haben: Konrad Haas (g. 1822) mit Ehefrau Katharina Elisabeth Beutel und 4 Kindern und Philipp Haas (g. 1818) mit Ehefrau Anna Margaretha Schlegel und 5 Kindern.

Ein Foto vom Original habe ich auf Familysearch gefunden (Mikrofilmnummer 2373594, Seite 233).

Ich konnte damals noch nicht sagen, welcher der beiden Brüder mein Vorfahre war, aber mithilfe von Volkszählungen ließ sich schnell die Verbindung weiter zurückverfolgen bis zum Erstsiedler an der Wolga, Konrad Haas (g. 1761) aus Isenburg in Hessen, der im Alter von 6 Jahren mit seiner verwitweten Mutter und zwei Schwestern in Russland einwanderte. Während seine Mutter in den Passagierlisten noch als Witwe aufgeführt wurde, hatte sie bei der Ankunft in der Kolonie Norka neu geheiratet und zwar den 6 Jahre jüngeren Kaspar Weigand, mit dem sie weitere Kinder bekam. (Später zog die Familie nach Pobochnoye, die 1772 von den Siedlern aus ihrem Heimatort Isenburg gegründet wurde.)

Im Oktober 2017 entschloß ich mich zu einem weiteren Versuch, um das Rätsel der Herkunft meines Großvaters zu lösen: auf der Seite forum.wolgadeutsche.net bot ich 5 Ancestry-Tests für Nachkommen von Haas, Rudi, Wagner und Wilhelm an, sofern sie Wurzeln in Schöndorf nachweisen konnten. Ein Forumsmitglied erzählte mir daraufhin von einem Haas-Cousin und gab mir seine Kontaktdaten. Dieser und ein weiterer Haas aus einem Nebenzweig stimmten einem Test zu, stellten sich jedoch beide als weit enfernte Verwandte heraus.

Ende Mai 2018 bin ich an die Wolga gereist, um selbst in den Archiven nach Dokumenten aus Schöndorf zu suchen. In den Familienlisten von 1920 (Archiv Engels) wurde ich fündig, denn es gab nur einen David Haas (g.1891) verheiratet mit Sophia (g.1891) und Sohn von Peter Haas (g.1857). Laut den Einzugslisten wurde er 1914 in die Armee eingezogen. Danach verliert sich seine Spur.

Dank der Volkszählung von 1897 erfuhr ich, dass David eine ältere Schwester hatte, Katharina (g. 1889). Sie muss diejenige gewesen sein, die nach Kanada auswanderte. (Da ich den Namen ihres Mannes nicht habe, aber weiß, dass die Siedler gern innerhalb der Kolonie geheiratet haben, werde ich sie mit allen Nachnamen, die in Schöndorf vorkamen, und ihrem Geburtsjahr in den Passagierlisten suchen.)

Das Patronym von Davids Vater Peter ließ außerdem vermuten, dass er der Sohn von Philipp Haas und Anna Margaretha Schlegel war – den Erstsiedlern von Schöndorf im Jahre 1857! Dies wurde auch durch die Hofzählung von 1867 bestätigt. Bei der Datenerhebung 1857 tauchte Peter Haas noch nicht auf, seine Mutter muss aber zu diesem Zeitpunkt bereits hochschwanger gewesen sein.

Auf die gleiche Weise gelang es mir auch den Stammbaum von A.H. und O.H. zurückzuverfolgen. Auch ihre Linien gehen auf Philipp Haas und Anna Margaretha Schlegel zurück und genau dort trennen sich unsere Familienzweige. Somit sind die beiden, meine Mutter und ihre Geschwister ganz offiziell Cousins und Cousinen 3. Grades, so wie die DNA-Ergebnisse es bereits vermuten ließen.

Als Nächstes wollte ich den Mädchennamen von Sophia (1891), der Mutter meines Großvaters, herausfinden. Dank der DNA-Treffer gibt es hierfür drei heiße Kandidaten: Wagner, Rudi oder Wilhelm. Denn bei einigen Treffern, die ich eindeutig der Seite meines Großvates zugeordnet habe, gibt es auch auf dem X-Chromosom DNA-Übereinstimmungen mit meiner Mutter und Tante. (Das ihnen von meinem Großvater verebte X-Chromosom, hat er von seiner Mutter erhalten.)

Also machte ich mich auf den Weg zum Archiv in Saratov auf der anderen Seite der Wolga. Ich habe gelesen, dass es dort ein Kirchenbuch aus Schöndorf für die Jahre 1908-1917 geben sollte. Dort hätte ich meinen 1913 geborenen Großvater finden sollen. Wenn es denn bloß das richtige Kirchenbuch gewesen wäre! Bereits nach wenigen Seiten merkte ich, dass irgendetwas nicht stimmen konnte. Die Nachnamen der geborenen Kinder waren ganz andere, als die, die ich in den Volkszählungen und Familienlisten von Schöndorf gelesen habe. Dann fiel mein Blick auf den Namen des Pastors: Allendorf. Man hatte es in russischer Schrift so geschrieben, dass man es auch als Schöndorf lesen konnte. Bei dem Kirchenbuch handelte es sich in Wirklichkeit um eine ganz andere Kolonie, die fälschlicherweise als Schöndorf erfasst wurde! Meine Enttäuschung war nicht in Worte zu fassen.

Also geht meine Entdeckungsreise weiter.

Im Moment bin ich damit beschäftigt die Daten aus den Volkszählungen und Familienlisten von 1920, 1897 und 1867 in ein Computerprogramm zu übertragen und ein Namensverzeichnis zu erstellen. Danach werde ich zu einzelnen Nachnamen Stammbäume erstellen, von 1920 soweit wie möglich zurück zu den Erstsiedlern an der Wolga, und die Daten dann mit den Stammbäumen meiner DNA-Treffer vergleichen.

Das Ganze wird ein Weilchen dauern, denn es gibt zahlreiche Herausfoderungen. So wählten z.B. die Siedler in Schöndorf und ihren Nachbar- und Mutterkolonien nur aus einer Handvoll Vornamen aus. Bei den Jungs waren Konrad, Georg, Peter, Philipp, Heinrich und Friedrich beliebt. Als Erstname wurde Johann vergeben, also gab es zahlreiche Johann Konrads und Johann Georgs, nur Johannes wurde als eigenständiger Name vergeben. (Bei der Einwanderung in die USA wurde sie alle oft nur zu Johns.)

Bei den Mädchen waren es Sophia, Elisabetha, Katharina, Margaretha, Maria und Anna und dann die jeweiligen Kombinationen daraus: Maria Elisabetha, Anna Margaretha, Anna Maria, Sophia Elisabetha… Und das seit 1767!

Innerhalb der Familien gab es Spitznamen, um die Namensvetter voneinander zu unterscheiden z.B. langer Peter oder roter Philipp, doch in den offiziellen Dokumenten wurden die Spitznamen natürlich nicht erfasst. Glücklich dürfen sich all die schätzen, bei denen sich ein David oder eine Susanna im Stammbaum eingeschlichen haben.

Was hätte ich nicht alles dafür gegeben, meinem Großvater von meinen Entdeckungen berichten zu können! Ich weiß, dass er selbst nach seinen Wurzeln gesucht hat. Doch mit den wenigen Informationen, die er hatte, war auch wenig anzufangen. Vieles hat mir überhaupt erst die DNA-Genealogie möglich gemacht. Er hatte diese Möglichkeit nicht. Deswegen sehe ich es als mein Erbe an, seinen Stammbaum auszubauen.

Fortsetzung folgt…